MÄRCHENRETTER / RUMPELSTILZCHEN

Stück von Michael Sommer

Die Märchenretter findet man an allen möglichen Orten der Erde. Man muss sie nur gut suchen. Ihre Läden tarnen sie meistens als Trödel- oder Antikgeschäfte in Hinterhöfen, Seitengassen oder Kellerräumen. Wenn man sich jedoch bei einem Besuch in solch einem Laden etwas Zeit zum Stöbern lässt, bemerkt man, dass die Uhr dort doch etwas anders tickt als da draußen. Wenn man etwas genauer hinschaut, sieht man zwischen lauter Gerümpel und Kram skurrile Gestalten, die ständig beschäftigt zu sein scheinen. Aber womit? Wie retten sie denn die Märchen? Und warum müssen diese überhaupt gerettet werden?

Nun ja, die Märchenretter sind erst einmal ziemlich nostalgische und altmodische Geschöp­fe: Von der neuen Digitaltechnik halten sie nichts. So müssen die gesammelten Märchen in der hauseigenen Bibliothek archiviert werden. Sie betätigen sich auch als Buchbinder, damit die Bücher nicht gänzlich auseinander fallen. Ab und zu kommt es auch vor, dass die Geschichten falsch durch die Generationen weitergegeben wurden, so müssen sie also wieder umgeschrieben werden. Dann gibt es zu den Märchen auch die entsprechenden Requisiten, Kostüme, Möbel, Spielzeuge… Auch für jene muss sich doch irgendjemand verantwortlich fühlen. Dann muss selbstverständlich noch Ordnung gehalten werden (auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint), es muss Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden, jemand muss durch die Welt reisen, um verschollene Märchen zu suchen und und und… Natürlich braucht jedes Geschäft auch einen Wachmann und jemanden für den Kundenkontakt. Und falls es zu eintönig werden sollte, hat jeder Märchenretterladen auch noch eine eigene Band zur Unterhaltung.

Was aber, wenn plötzlich eine ganze Kinderhorde in den Laden platzt und Hilfe braucht? Dann wird erst einmal alles auf den Kopf gestellt und die Arbeit unterbrochen. Schließlich geht es um Rumpelstilzchen. Zur Not hilft auch schon mal ein kleiner Zauber, ist ja schließ­lich für den guten Zweck… Und die nächste Arbeit wartet schon, wenn es wieder heißt: Es war einmal…